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Die taz und Tunesien

Die Berichterstattung der taz über den Militärcoup in Ägypten erschreckt mich schon seit längerem in ihrer Rechtfertigung einer Konterrevolution, die jedwede demokratische Prinzipien missachtet – ungeachtet aller gerechtfertigten Kritik an der Regierungsweise Morsis und der Muslimbrüder. Edith Kresta setzt hier in der heutigen Ausgabe der taz noch einen drauf mit zwei unglaublich tendenziösen Artikeln, welche außerdem ihre Ahnungslosigkeit furchtbar bloßstellen.

Fangen wir beim grundsätzlichen an, der Begriff Säkularismus ist in Tunesien – und gesamten arabischen Raum – leider kaum anwendbar, da er in Bezug auf die im christlichen Europa vorherrschende Vermischung zwischen Staat und Kirche entwickelt wurde. Im Islam ist der Begriff kaum anwendbar, einerseits weil es unter den Nachfolgern Mohammeds keine Trennung zwischen Staat und Religion gab, andererseits aber weil es im Islam im Prinzip überhaupt keine Kirche als solche gibt. Es ist also unklar was Kresta eigentlich meint, wenn sie von „säkularen Parteien“ spricht, islamisch sind diese nämlich auch und sie werden auch den Islam als Religion Tunesiens – laut Artikel 1 sowohl der neuen als auch der alten Verfassung und damit allgemein Konsensus – verteidigen. Sie sehen sicherlich eine schwächere Rolle für die Religion als Quelle der Gesetzgebung als Ennahdha, man sollte diese Unterschiede, die sich vor allem an Symbolpolitiken wie der Scharia als Inspiration oder Fragen der Verschleierung aufhängt, aber nicht als einzig relevante Dichotomie verkaufen wie die Autorin dies tut, das ist Augenwischerei.

Kresta meint weiterhin, daß eine neue Verfassung nicht unbedingt nötig sei, „denn so schlecht, so undemokratisch ist die alte nicht.“ Das unter dieser Verfassung Tunesien seit seiner Unabhängigkeit 1956 diktatorisch regiert wurde ignorieren wir jetzt einfach mal und lassen den Leser selber urteilen.

Neuwahlen seien vonnöten für „eine effektive Befriedung des Landes.“ Inwieweit diese reale gesellschaftliche Probleme, wie das Verlagen von jungen verschleierten Frauen studieren zu dürfen beantworten sollen, geschweige dann den Terrorismus an der Grenze mit Algerien zu bekämpfen erscheint wenig klar.

Soweit Krestas Kommentar auf der ersten Seite. Im Inneren, auf Seite 2 (das von mir gelesen Original in der Papiertaz war um einiges länger), geht es dann weiter. „Nida Tounes“ sei eine „neu gegründete[…] säkulare Partei.“ Säkulare Parteien gibt es wie bereits gesagt im Prinzip nicht und daß „Nida Tounes“ zu großen Teilen aus ehemaligen Anhängern der diktatorialen Regierungspartei RCD besteht, scheint der Autorin entweder nicht erwähnenswert oder nicht bewußt. Es bleibt wohl dem Leser überlassen zu beurteilen, welche dieser beiden Möglichkeiten ein besseres Licht auf sie werfen. Das gleiche gilt übrigens für die große Demonstration für Ennahda, welche am Sonntag standfand, und – es ist schwierig sich hier auf Zahlen zu verlassen – wohl mindestens genauso groß wie die regelmäßigen Anti-Ennahda Demonstrationen war. Kresta tut dies mit einem Zitat einer Gegnerin der Regierung, daß diese Demonstranten vom Land kämen und bezahlt seien, ab.

Schließlich macht sich Autorin die Meinung der Demonstranten, daß die Regierung den „Terror der Salafisten“ herunterspielen würde, zu eigen. Im Gegensatz hierzu sind viele objektivere Beobachter einhellig der Meinung, daß die Regierung seit einiger Zeit streng gegen ebendiese gewalttätigen Salafistengruppen vorgeht.

Was Kresta anscheinend nicht begreift, bzw. nicht sehen will – ich weiß es nicht – ist, daß die tunesische Gesellschaft unglaublich polarisiert ist zwischen einer gebildeteren, französischsprachigeren, westlicheren Minderheit, welche aber in den westlichen Medien überproportional vertreten ist, und einer Mehrheit an religiöseren, eher arabischsprechenden und vor allem auch ärmeren Menschen, welche Ennahda zu ihrem – demokratischen – Sieg verholfen haben.

Das die Frustration mit der Regierung zunimmt wegen der schreckenserregenden politischen Morde aber auch – und vor allem, zumindest außerhalb von Tunis, – der mangelnden Verbesserung der wirtschaftlichen Lage steht außer Frage. Aber westliche Journalisten dürfen, wenn sie eine reflektierte Berichterstattung aus Ländern wie Tunesien liefern wollen, nicht nur mit den gebildeten, mehrsprachigen Tunesiern reden, die im Prinzip verwestlicht sind, sie müssen sich auch in ärmere Stadtteile und Regionen vorwagen auf die Gefahr hin, daß ihre simplizistischen, fundamental undemokratischen Erklärungsmodelle in sich zusammen brechen. Allein die Tatsache, daß Kresta außer in Bardo mit niemandem gesprochen hat, zeigt insofern auf, daß sie ihre Arbeit nicht wirklich getan hat.

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